Herzlichkeit statt Vorbehalte – 10 Jahre Schüleraustausch mit St. Petersburg

Wenn wir als Mitteleuropäer das Wort „Russland“ hören, denken die meisten von uns sofort an Kälte, Schnee und niedrige Temperaturen. Dass dem überhaupt nicht so sein muss, haben  Schüler aus Bretten mit ihren beiden Lehrern eindrücklich Mitte Mai erfahren. Denn während man sich in unseren Breiten mit gerade mal zehn Grad begnügen musste, konnte die Reisegruppe aus Bretten und Umgebung Sonnenschein und Temperaturen bis zu 30 Grad genießen. 

Im Rahmen der Russisch-AG, die am Melanchthon-Gymnasium angeboten wird, aber auch für Schüler vom Edith-Stein-Gymnasium offen ist, machten sich 13 Schüler mit ihren beiden betreuenden Lehrern Dirk Lundberg (MGB) und Eva Obbarius (ESG) auf den Weg um zehn Tage in St. Petersburg zu verbringen. St. Petersburg ist die zweitgrößte Stadt Russlands und vor allem für ihre prunk- und prachtvollen Bauwerke bekannt. 
Doch weder die hohen Temperaturen, noch die eindrucksvollen Gebäude, die St.Petersburg ihnen zu bieten hatte, waren letzten Endes das Beeindruckendste für die Schüler: Die überschäumende Freude, die Herzlichkeit und Offenheit,  mit der man sie aufgenommen hat, haben tiefen Eindruck bei den Schülern und Lehrern hinterlassen. Sie hätten eine Gastfreundschaft erlebt, wie sie in Deutschland nicht praktiziert würde. Diese Gastfreundschaft ging so weit, dass sich einige Eltern der russischen Austauschpartner für den Besuch aus Deutschland sogar freigenommen haben. Auch ungewöhnlich für einen Austausch  sei gewesen, dass ihnen keine Vorbehalte gegenüber Deutschland begegnet seien.  Und das, obwohl die Einwohner der Stadt durchaus Grund dazu hätten. Denn während des zweiten Weltkrieges wurde  St. Petersburg 900 Tage von der deutschen Wehrmacht umstellt, die das Ziel hatte, die Stadt zu vernichten  und die Bewohner auszuhungern. Dieser Belagerung fielen weit mehr als eine Million Menschen zum Opfer und hat bei den Überlebenden traumatische Erfahrungen ausgelöst. Trotzdem, so wurde den Brettern erzählt, habe man    „nie etwas gegen die Deutschen gehabt!“.
Doch, wie die Schüler erzählen, konnten auch sie ohne Vorurteile und offen die Reise nach Russland antreten, da sie durch ihren Lehrer Dirk Lundberg  intensiv auf ihren Aufenthalt vorbereitet worden seien.
Die Russisch-AG wurde 1998 am Melanchthon-Gymnsaium von Dirk Lundberg ins Leben gerufen und seit dem Jahr 2000 wird gemeinsam mit der Partnerschule“ Nummer 605“ in St. Petersburg der Austausch durchgeführt, womit der diesjährige Austausch einem zehnjährigen Jubiläum gleichkam. Seit etwa neun Monaten sind die meisten der Teilnehmenden jetzt in der Russisch-AG und lernen damit die Sprache auf freiwilliger Basis außerhalb des Stundeplans. Für die einfache Kommunikation hätten ihre Sprachkenntnisse gereicht, erzählen sie. Doch sie sind sich darüber im Klaren, dass ohne die Deutschkenntnisse der Austauschpartner, die Deutsch seit der zweiten Klasse lernen,  ein Beziehungsaufbau mit ihrer Gastfamilie gar nicht möglich gewesen wäre. Durch das Leben in der Gastfamilie konnten Schüler und Lehrer den „echten“ russischen Alltag erleben und so in die Kultur einzutauchen, wie es einen gewöhnlichen Touristen gar nicht ausführbar ist. Die negativen Seiten lernten sie jedoch auch kennen. So war die große Armut, die dort teilweise herrscht und einem auf der Straße begegnet schockierend für die Brettener. Etwas Angst gemacht hat ihnen auch der Straßenverkehr, aufgrund der recht gewöhnungsbedürftigen Fahrzeuge und dem dort herrschenden Grundsatz: Das Recht gebührt dem Stärkeren.
Nichtsdestotrotz sind sie sicher „Wir wollen noch mal hin“. Und dieser erneute Besuch muss nicht unbedingt wieder über die Schule laufen. Denn es wäre nicht das ersten Mal, wenn durch den Austausch persönliche Kontakte geknüpft werden und dies, nach dem Gegenbesuch der russischen Schüler in Bretten,  in einen „privaten“ Urlaub in St. Petersburg mündet.